Drucken

Das Sommerloch muss für Journalisten furchtbar sein: wenn alle vermeintlichen Alligatoren in tatsächlichen Baggerseen beschrieben sind - was bleibt zu tun? Die SZ hat jetzt eine neue journalistische Disziplin für sich entdeckt - Leserbriefe selber schreiben....

Zum Hintergrund: einer der klügsten Köpfe der SZ, Heribert Prantl, hatte am 20.07. einen vielleicht nicht ganz so klugen Text zur Impfpflicht geschrieben (s. hier), dem ich einen differenzierten Leserbrief widmete und den ich - das Schicksal der meisten meiner Leserbriefe an die SZ antizipierend - hier veröffentlichte.

Prantl vs. Rabe

Die Fairness gebot, dass ich den Text auch dem Autor des Originalartikels schickte, worauf Heribert Prantl prompt (!) antwortete mit den Zeilen:

Sehr geehrter Herr Dr. Rabe,

danke für die profunde Auseinandersetzung.

Ich will mich nun nicht in einen Ping-Pong zwischen Jura und Medizin einlassen, nur eines anmerken:

„Vor allem aber - und es wundert, dass Prantl dies in seinem Artikel zwar ausdrücklich erwähnt, dann aber nicht zu Ende denkt - ist der Erfolg der Kinderlähmungsimpfung eben genau den Maßnahmen zu verdanken, die wirkliche Fachleute z. B. des zuständigen Robert Koch Instituts (RKI) heute an Stelle der Impfpflicht fordern: flächendeckende und öffentlichkeitswirksame Aufklärungs- und Informationskampagnen, einen niederschwelligen Zugang zu Impfungen (etwa in Schulen oder Gesundheitsämtern). Die Kinderlähmung taugt daher gerade als klassische Blaupause, wie hohe Durchimpfungsraten ohne Zwang, Pflicht und Grundrechtseingriff, sondern durch bloße Überzeugung gelingen können.“

Genau darüber habe ich mir nun wirklich Gedanken gemacht. Sie finden sich auch in meinem Text. Warum funktionierte Aufklärung damals besser als heute?

Mit bestem Gruß

Heribert Prantl

was mich wiederum zu einer längeren Antwort veranlasste:

Lieber Herr Professor Prantl,

zunächst von Herzen Dank für Ihre rasche Antwort.

Ihre Frage - und das verstehen Sie bitte nicht als Vorwurf - zeigt einmal mehr, wie sehr alternative Fakten derzeit die Auseinandersetzung mit dem Thema Impfpflicht dominieren:

Aufklärung funktioniert doch - auch heute!

Seit vielen Jahren lassen mehr als 97% der deutschen Eltern ihre Kinder freiwillig einmal gegen Masern impfen, dies zeigen die Zahlen des RKI. Erfolgt diese Impfung im richtigen, international üblichen Alter (nach dem ersten Geburtstag), schützt sie 95% der Geimpften über viele Jahre zuverlässig, worauf sich praktisch alle europäischen Nachbarländer jahrelang verlassen. Der Hype um die zweite Masernimpfung ist ein deutscher Nebenkriegsschauplatz, ihre Bedeutung wird in der aktuellen Diskussion maßlos übertrieben (Hintergründe s. hier) . Für die geringere Impfquote der zweiten Impfung gibt es viele Gründe, darunter auch, dass immerhin 5 - 10% der Geimpften nach der Impfung „Impfmasern“ entwickeln, die die Wirkung der ersten Impfung belegen und die zweite definitiv überflüssig machen. Dies leisten auch Antikörperbestimmungen, die viele Eltern nach der ersten Impfung durchführen und die - wenn sie positiv ausfallen - ebenfalls zu einem Nicht-Wahrnehmen der zweiten Impfung führen.

Die Masernimpfung ist als Impfung gut genug, um die allermeisten Menschen zu überzeugen; das sagen uns die Fachleute der BZgA, des NAP (Nationaler Aktionsplan zur Elimination von Masern und Röteln) und auch des RKI. Die Durchimpfungsraten steigen oder stagnieren auf ausreichend hohem Niveau, die Haltung der Menschen zum Impfen (s. mein Leserbrief) ändert sich - anders als öffentlich dargestellt - in die richtige Richtung. Und - vor allem auch - wir haben in Deutschland definitiv und im diametralen Gegensatz zu den Behauptungen des Bundesgesundheitsministers keine ansteigenden Masernfallzahlen.

Wir erreichen diese hohen Durchimpfungsraten zugegeben noch nicht flächendeckend - es gibt „Nester“ mit geringeren Quoten, teilweise geographische (z.B. südlich von München), teils ethnische (Menschen mit Migrationshintergrund, z.B. in NRW) - diese sind immer wieder Ausgangspunkt für kleinere oder größere Ausbrüche. Hier muss Beratung gezielt ansetzen, hier sind wir Kinderärzte, aber auch der im Wortsinne minderbemittelte Öffentliche Gesundheitsdienst (ÖGD) gefordert, Aufklärungsarbeit zu leisten.

Haupthindernisse für das Schließen der vorhandenen Impflücken sind nach Ansicht fast aller Profis unter anderem:

 

Soweit, so gut, ein respektvolles Geplänkel zweier alter weißer Männer...

Und jetzt: die SZ-Leserbriefredaktion

Kaum verging ein Monat, erinnerte sich die SZ meiner ursprünglichen Antwort, die aber wohl als erstens zu lang (das mag aus der Sicht einer Leserbriefredaktion verständlich sein) und zweitens wohl inhaltlich als unbotmäßig erschien und so setzte sich ein deutlich weniger kluger Kopf als der Heribert Prantls an eine komplette Revision meines Leserbriefs mit folgendem Ergebnis unter der Überschrift "Einzelimpfung gegen Masern" (SZ vom 20.08.2019, Seite 13)

Ich selbst bin kein Befürworter der Impfpflicht, ich empfinde es als zu übergriffig. Aber ich kann die Gründe dafür gut nachvollziehen und würde die Pflicht zur Masernimpfung auch akzeptieren. Was aber nie thematisiert wird, ist, dass mit der Masernimpfpflicht automatisch auch ein Zwang zur Mumps- und Rötelimpfung besteht, da es keinen Einzelimpfstoff für die Masernimpfung mehr gibt. Wäre dieser nicht abgeschafft worden, bin ich mir sicher, gäbe es nicht die immer größer werdenden Impflücken.

Mein Sohn ist gegen Masern geimpft, meine Tochter nicht. Ich würde sie gerne gegen Masern impfen lassen, aber ich sehe bei einem Kleinkind eine Impfung gegen Mumps oder Röteln einfach nicht ein. Und so geht es vielen Eltern. Die Masernimpfung ist für ein Leben in Gemeinschaft wichtig und deshalb absolut nachvollziehbar. Aber der Zwang zur Impfung gegen Mumps und Röteln geht zu weit. Die Poliomyelitis-Epidemien, die es Anfang und Mitte des vergangenen Jahrhunderts auch noch in Deutschland gab, zu vergleichen mit der Situation der Masern im selben Land im 21. Jahrhundert, zeugt schlicht von fehlender Sachkenntnis: Schwere, Komplikationshäufigkeit und Sterblichkeit beider Erkrankungen sind jenseits jeder Diskussion völlig unvergleichbar. Außer der Pockenimpfung hat keine andere Impfung so viele Menschen nachweislich krank gemacht wie die Schluckimpfung – eine Tatsache, die den Erfolg der Schluckimpfungskampagne in keiner Weise infrage stellt, führte letztendlich zum Ersatz dieses Trunkes durch die moderne, injizierte Polioimpfung. Vor allem aber – und es wundert, dass der Heribert Prantl dies in seinem Artikel zwar erwähnt, dann aber nicht zu Ende denkt – ist der Erfolg der Kinderlähmungsimpfung den Maßnahmen zu verdanken, die Fachleute heute anstelle der Impfpflicht fordern: Aufklärungskampagnen.

Dr. Steffen Rabe, München

Lassen wir einmal bei Seite, dass tatsächlich kein einziger Satz meines Original-Leserbriefs sich in der, nennen wir es freundlich: revidierten, Version wiederfindet.

Lassen wir einmal bei Seite, welches Bild die SZ-Leserbriefredaktion von den intellektuellen und sprachlichen Fähigkeiten ihrer Leserbriefschreiber hat ("dass der Heribert Prantl", ... der mir in den Mund bzw. in die Feder gelegte Stil lässt hier tief blicken).

Interessanter sind die mir unterstellten Äußerungen, die erstens so nie gefallen sind (z.B. zu diesem Impfstatus meiner eigenen Kinder) und/oder meiner Position zur Masernimpfpflicht erkennbar diametral entgegen stehen ("Gründe gut nachvollziehen", "würde die Pflicht zur Masernimpfung auch akzeptieren").

Die geneigte Leserin/der geneigte Leser dieser website weiß, dass nichts meiner Haltung zur Masernimpfpflicht ferner liegt, als dieses stilistisch und intellektuell hilflose Fabulieren und wer meine gelegentlichen Auftritte in Hörfunk und Fernsehen verfolgt, weiß, dass ich durchaus gelegentlich über den Impfstatus meiner Kinder erzähle (aber mit anderem Inhalt - das verrate ich aber jetzt hier nicht, um es dem nächsten Leserbriefautor in meinem Namen nicht zu leicht zu machen...).

Was steckt dahinter? Entweder ein intellektuell minderbemittelter Redaktionspraktikant, dem aufgetragen wurde, den Leserbrief zu kürzen und der dabei ungeahnte Kreativität in sich schlummern fand - oder ein gezielter Versuch der Desavouierung meiner öffentlichen Arbeit gegen die Impfpflicht durch einen deutlich weniger minderbemittelten Kopf... .

In jedem Fall habe ich die SZ formal und offiziell zu einer Gegendarstellung aufgefordert und den Chefredakteur, Herrn Kister, um seine Einschätzung dieses hochspannenden Vorgangs gebeten... .

Parallel habe ich den Deutschen Pressrat um eine öffentliche Rüge dieses Vorgehens ersucht mit dem folgenden Text:

Der von der SZ hier unter meinem Namen abgedruckte Leserbrief wurde so von mir nie geschrieben.

Er ist offensichtlich die redaktionelle "Überarbeitung" eines Leserbriefs, den ich am 20.07.2019 einreichte und den Sie hier zum Vergleich nachlesen können.

Der von der SZ unter meinem Namen veröffentlichte Text

Diese Form der Falschveröffentlichung unter meinem Namen verletzt mehrere Artikel des Pressekodex und erfüllt durchaus juristische Straftatbestände, weshalb ich den Presserat hier ersuche, eine öffentliche Rüge auszusprechen.

Mit freundlichen Grüßen,

Dr. Steffen Rabe

Die Frage, ob und inwieweit ich hier rechtliche Schritte gegen die SZ einleiten werde (der Straftatbestand der Verleumdung ist meiner laienhaften Ansicht nach fraglos erfüllt), wird von der Reaktion der SZ in Gestalt von Kurt Kister abhängen.

Alles ein Irrtum...

Kurt Kister war schnell - am Montagmorgen schon erreichte mich eine sehr persönlich formulierte und in meinen Augen glaubhafte Entschuldigung der SZ-Chefredaktion; man habe versehentlich im Redaktionprozess aus zwei verschiedenen Leserbriefen zum selben Thema einen gemacht... die Gegendarstellung erschien schon am Abend in der Online-Ausgabe der SZ.

Das Bedauern scheint mir authentisch - Fehler passieren, auch mir... ich habe daher meine Beschwerde beim Deutschen Presserat zurückgezogen und werde natürlich keine weiteren rechtlichen Schritt einleiten. Mit der unten zitieren Antwort an Kurt Kister ist für mich diese besondere Form der Sommerloch-Zeitungsente abgeschlossen.

Lieber Herr Kister,

ich bin über die Maßen beruhigt über Ihre persönliche, schnelle und klare Reaktion und nehme Ihre Entschuldigung (tatsächlich erleichtert) an.

Bei einem so hysterisierten Thema wie dem Impfen laufen selbst Tiefenentspannte Gefahr, bisweilen paranoide Gedanken in sich aufkommen zu lassen - dies umso mehr, als es auch das von mir sonst durchaus geschätzte Wissenschaftsressort Ihrer von mir sonst noch viel mehr geschätzten Zeitung  beim Thema Impfen gelegentlich (genau genommen sogar: häufig) an der notwendigen journalistischen Ausgewogenheit der Berichterstattung fehlen ließ und lässt.

Das Jahr 2019 hat uns im Rahmen des Spahnschen persönlichen Profilierungsprojektes Masernimpfpflicht gezeigt, dass fake news, alternative Fakten und postfaktische Argumentationen mittlerweile auch in Deutschland salonfähig geworden sind und sogar als Grundlage für Einschränkungen zentraler Grundwerte und -rechte unserer Verfassung dienen dürfen; hieran waren auch die so genannten mainstream-Medien und namentlich auch die SZ nicht unbeteiligt. Das offizielle Lamento über angeblich steigende Masernzahlen, angeblich sinkende Impfquoten und angeblich zunehmende Impfmüdigkeit (alles fake news) wurde allzu unkritisch aufgegriffen und immer wieder vermeintlich neu paraphrasiert - von der Tagesschau bis hin auch zum Wissenschaftsressort Ihrer Zeitung.

Dabei war und ist es ein Leichtes, hier die wirklichen Fakten zu recherchieren und damit die oft allzu leicht durchschaubaren Politikerattitüden zu entlarven: ich tue dies seit Anfang dieses Jahres (wöchentlich aktualisiert mit den offiziellen Zahlen z.B. des Robert Koch Instituts) auf meiner Internetseite unter dem Titel „Die Trumpisierung der Impfdiskussion“.

Ich gestehe, dass ich angesichts der in meinen Augen oft unkritischen, ja tendenziösen Impf-Artikel der SZ das eine oder andere Mal versucht war, über einen Leserbrief hinaus einen weiteren Brief an die Chefredaktion Ihrer Zeitung zu schreiben, da ich hier mehr als nur einmal grundlegende journalistische Tugenden verletzt sah.

In diesem Kontext entstand mein Leserbrief zu Heribert Prantls Artikel und auch mein Entschluss, die - nennen wir es: "Leserbrief-Panne" früh und offensiv zu veröffentlichen - auch meine Beschwerde beim Presserat, die ich nach Ihrer Entschuldigung jetzt zurückziehen werde. Ich werde Ihre Gegendarstellung natürlich mit dem Erscheinen in Ihrer Zeitung als Schlusspunkt unter meinen Text setzen und damit ist für mich diese Angelegenheit tatsächlich abgeschlossen.

Davon unabhängig stehe ich Ihnen oder auch dem Wissenschaftsressort für ein Hintergrundgespräch zum Thema „Impfen & SZ“ natürlich jederzeit gerne zur Verfügung.

Für heute verbleibe ich
mit herzlichem Gruß,

Steffen Rabe